„Grüne Welle“ für Thomas Winkler, „Rote Laterne“ für Alfred J. Arndt

Man möchte einen alten Bonmot von Joschka Fischer wieder aufwärmen. Der sagte 1991 auf die Frage, wie er sich das Wahlergebnis der Hessischen Landtagswahl erkläre: „Das kommt daher, weil die Leute so gewählt haben“.

Die eigentlichen Wahlgewinner dieser Bürgermeisterwahl standen aber gar nicht auf dem Stimmzettel. Das sind so unterschiedliche Menschen wie Greta Thunberg und Burkhard Ziegler.


Greta Thunberg hat mit ihrem Schulstreik für das Klima weltweit junge Menschen mobilisiert. Wenn auch in Mörfelden-Walldorf bislang kein bemerkbarer Schulstreik organisiert wurde, so ergab schon eine Testwahl anlässlich einer Podiumsdiskussion im Jugendzentrum Mörfelden, dass über 40% der Abschlußklassen-Schüler den grünen Kandidaten favorisierten. Diese „Grüne Welle“ trug mit zum überwältigenden Erfolg von Thomas Winkler bei, ähnlich wie die Atomkatastrophe von Fukushima 2011 die Grünen mit 24% und 11 Sitzen in die Stadtverordnetenversammlung gespült hatte (die Wahl 2016 stutzte sie dann wieder auf ihr Normalmaß von 5 Sitzen zurecht). Die wenigsten ihrer jetzigen Wähler haben wohl darüber nachgedacht, dass die Grünen zehn lange Jahre hindurch, von 2006 bis 2016, widerstands- und kritiklos genau die Politik unterstützt und mitgetragen hatten, für die Heinz-Peter Becker jetzt abgestraft wird.
Der zweite Gewinner ist Burkhard Ziegler. Zwar ist die SPD in der gegenwärtigen Rathauskoalition die stärkste Kraft, aber ihre beiden neoliberalen Partner Freie Wähler und FDP, die einander sehr zugetan sind, haben zusammen einen Sitz mehr als die SPD. So kommt es, dass in Wirklichkeit diese beiden die Politik bestimmen, die aus dem „Widerstandsnest“ Mörfelden-Walldorf eine bequem nach Konzernherrenart zu regierende, wirtschaftskompatible Stadt machen soll. Die Aufgabe von Bürgermeister Heinz-Peter Becker und seiner SPD war in den letzten anderthalb Jahren, die Politik der Grausamkeiten (bleibende Grundsteuererhöhung, Gebührenerhöhungen, Versuch der Einführung von Straßenanliegergebühren, Hessenkasse) in der Öffentlichkeit zu verkünden und zu vertreten, womit sie sich selbst demontierten. Den Mumm, diese Koalition platzen zu lassen, wie es sein Vorgänger Bernhard Brehl wahrscheinlich getan hätte, brachte Becker nicht auf.

Und so haben wir einen 1. Stadtrat, der de facto den Ton angibt (aber gottbehüte weder selbst für das Bürgermeisteramt kandidiert, noch einen seiner FW-Leute kandidieren lässt). Warum sollte er auch? Er kann nach dem Motto leben, das Franz-Josef Strauß 1976 verkündet hatte: „Es ist mir egal, wer unter mir Kanzler wird.“ Und über Heinz-Peter Becker könnte er das sagen, was derselbe Strauß einst über Kohl sagte: „Der weiß gar nicht, daß er unter meinem Schirm steht.“

Nach der Stichwahl wird Ziegler, je nach Ausgang, mit einem noch schwächeren Becker arbeiten können, oder mit einem Thomas Winkler, der vorerst über keine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung verfügt. Macchiavelli läßt grüßen.

Wie recht hatte doch Friedrich Engels, der 1892 schrieb: „Das allgemeine Stimmrecht ist so der Gradmesser der Reife der Arbeiterklasse. Mehr kann und wird es nie sein im heutigen Staat; aber das genügt auch. An dem Tage, wo das Thermometer des allgemeinen Stimmrechts den Siedepunkt bei den Arbeitern anzeigt, wissen sie sowohl wie die Kapitalisten, woran sie sind“.

Dieser Gradmesser zeigt in Mö-Wa 7.48% an. Nicht viel? Diese Stimmen wiegen schwer, denn diejenigen, die sie abgegeben haben, haben sich sehr viel dabei gedacht.

Und der Erkenntnisprozeß geht weiter.

Alfred J. Arndt